Oliver Diekmann und Axel Donath haben 2018 zusammen bravobike gegründet. Vor zweieinhalb Jahre startete dieses Abenteuer im Gebrauchtradmarkt. Aber wie? Wo? Warum? Erfahren Sie alles über bravobike, die Geschichte und die Kultur, die sich dahinter versteckt, in einem exklusiven Interview mit unseren Gründern Axel und Olli.

Wie hat alles angefangen? Was hat euch in den Gebrauchtradmarkt getrieben?

OLLI: Ich bin vor 6 Jahren nach München gezogen und war auf der Suche nach einem unternehmerischen Abenteuer mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit, sodass ich der Gesellschaft nützlich sein könnte. Das Thema „Mobilität“ interessierte mich besonders; Autos sind keine Antwort mehr auf die Frage zur individuellen Mobilität – Parkplätze sind teuer und das Auto schadet sowohl der Umwelt als auch dem Stadtleben. Ich hatte Lust, eine schlaue Mobilitätswende mitzugestalten.

2018 stieß ich auf einen Artikel über Chinas Fahrradfriedhöfe mit Bildern von riesigen Bergen aus tausenden Leihrädern, teilweise nagelneu, die keiner mehr wollte. Es kann doch nicht sein, dass so viel Schrott entsteht, habe ich mir gleich gedacht. Das war für mich der Auslöser. Obwohl ich kein Fahrradfreak bin, wurde mir klar, dass ich in der Gebrauchtradbranche mitwirken wollte. Gleichzeitig entwickelte sich wirkaufendeinauto.de. In meinem Kopf trat sofort die Frage auf: Könnte man nicht auch Gebrauchträder ankaufen?

AXEL: In der Zeit hatte ich schon ein Startup im Fahrradmarkt gegründet und aufgebaut: einen Marktplatz für Gebrauchträder. Dieses Konzept war sehr erfolgreich. Damals merkte ich aber schon, dass es noch mehr braucht, um den Gebrauchtradmarkt richtig in Schwung zu bringen. Dadurch kamen mir auch laufend Ideen und ich habe so viele Ansätze gesehen. Man kann also sagen, ich war richtig angefixt, den Markt zu revolutionieren, obwohl ich selber nicht der große Fahrrad-Fahrer bin.


Ihr hattet beide unterschiedliche Wege und Erfahrungen. Wie habt ihr euch denn kennengelernt?

AXEL: Ich habe eine Stelle bei meinem Startup ausgeschrieben. Olli, der sich für die Mobilitätsbranche interessierte, hat mich kontaktiert. Eine Woche später tranken wir Kaffee und aßen Mittagsessen zusammen und sahen sehr schnell, dass wir die gleiche Vision hatten. Olli hat dann als Berater bei uns angefangen und wir haben direkt festgestellt, dass wir gut zusammenarbeiten können.


Wie habt ihr mit der Gründung von bravobike konkret angefangen?

OLLI: Nachdem wir uns entschieden hatten, das vorherige Startup zu verlassen, war uns schnell klar, dass wir gemeinsam etwas Neues gründen wollten. Dabei hat uns der Gebrauchtradmarkt keine Sekunde losgelassen. Entsprechend schnell hatten wir eine neue Vision, neue Ideen und natürlich auch viel Fehler-Erfahrung, die wir diesmal besser machen wollten. Wir wussten aber auch sofort, dass wir einen starken Partner brauchen, um wirklich etwas im Markt bewegen zu können.  So kam es, dass wir mit Jobrad ins Gespräch kamen, die auf der Suche nach einer einfachen Lösung für den Umgang mit ihren Leasingrückläufern waren – die Zahl würde in Zukunft auch noch weiter steigen. Wir wollten den Gebrauchtradmarkt nach dem Vorbild des Gebrauchtautomarkts professionalisieren – das heißt mit einer professionellen Händler Struktur und natürlich einer klaren Grundlage für die Wertermittlung der Räder. Jobrad wollte Leasingrückläufer loswerden. Wir brauchten diese Räder. Das passte!

AXEL: JobRad hat uns in unseren Gedanken unterstützt. Gemeinsam haben Olli und ich an einem Workshop bei ihnen teilgenommen und wir haben uns verschiedene Fragen gestellt: Wie würde JobRad zu uns passen in Bezug auf Gebrauchträder? Was braucht der Markt, was schaffen wir zusammen? Wie schaffen wir es, ein eigenständiges Unternehmen zu werden und nicht von Jobrad abhängig zu sein? Wir haben alle Vorstellungen abgeglichen und erste Ideen kamen zustande.

Wir haben aber nicht nur wertvolle Einblicke in das Fahrradleasing von JobRad bekommen, sondern wir lagen auch in Bezug auf Unternehmenswerte auf der gleichen Wellenlänge, wir haben gleich getickt. Das war für Olli und mich ein sehr wichtiger Punkt, denn wir wollten nicht nur ein innovatives Geschäft in der Fahrradbranche aufbauen, sondern auch starke Werte und Nachhaltigkeit innerhalb des Teams erreichen. Als wir dann bravobike im Juli 2018 gründeten, haben Olli und ich diese Werte mit unserem Team erschaffen.

Das war der Anfang einer glücklichen Geschichte, der Anfang von bravobike, der Anfang eines großartigen Teams, aber vor allem der Anfang einer Revolution!


Welche Herausforderungen habt ihr in den ersten Jahren überwinden müssen? Habt ihr gezweifelt?

AXEL: Wir wussten seit dem Anfang, dass der Aufbau des Gebrauchtradmarkts mit dem Angebot an Gebrauchträdern steht und fällt. Die große Frage war: Wo kriegen wir die Räder her? Wir brauchten eine bestimmte Anzahl an Rädern, um profitabel zu sein. Das war am Anfang eine große Herausforderung, weil wir – wie es meistens bei der Gründung eines Unternehmens passiert – eine zu positive Haltung dazu hatten. Es ist meistens doch schwieriger, in einen Markt einzutreten, als man denkt. Im ersten halben Jahr mussten wir Entscheidungen treffen, wie wir unsere Pläne anpassen wollten.

Wir wussten nicht, ob wir harte Maßnahmen umsetzen mussten, um den richtigen Weg einzuschlagen – das hätte passieren können. Vielleicht kann man das Zweifel nennen. Von diesem Markt war ich allerdings überzeugt. Ich wusste, dass wir gut genug waren, um Lösungen zu finden, wenn Probleme auftauchen würden. Ich wusste aber nicht, wie anstrengend das sein würde.

OLLI: Also ich bin seit 19 Jahren selbstständig – man zweifelt immer!

Bei bravobike machen wir vieles zum ersten Mal und können uns an keinem anderen Unternehmen orientieren. Wir sind die ersten und das ist schon eine große Herausforderung.

Die größte Komplexität lag aber für mich in den zahlreichen Fahrradmarken. Im Gebrauchtradmarkt muss man bereit sein, jedes Rad aufbereiten zu können. Es gibt über 100 relevante Marken und dazu kommen die ganzen unterschiedlichen Modelle. Unser Ziel war, die Prozesse so gut wie möglich zu vereinfachen, sodass jedes Fahrrad repariert werden kann. Daran orientierten wir unser ganzes Geschäftsmodell.

Eine andere Herausforderung war das Timing: Sind wir zu früh da? Ist der Markt schon soweit? Innovativ zu sein ist gut, wir müssen aber unsere Lösung rechtzeitig auf dem Markt anbieten, in einer Zeit, in der sie relevant ist. Da habe ich ein bisschen gezweifelt.

Ansonsten waren wir total überzeugt von unserem Konzept und hatten glaube ich wenig Zweifel.

AXEL: Und es hat sich auch ziemlich schnell gezeigt, dass wir richtig lagen!


Man kann sich gut vorstellen, dass es auch intern Herausforderungen gab. Wie ist das Team gewachsen?

OLLI: Tatsächlich sind neue Mitarbeiter kurzzeitig an Board gekommen, jeder mit Expertise in seinem Bereich. Es war für uns wesentlich, erfahrene Leute einzustellen, und es ist heute noch ein zentraler Wert unseres Unternehmens: Fachkompetenz – Wir wissen, was wir machen. Ich glaube, das unterscheidet uns auch von anderen, wir haben zum Beispiel keine Praktikanten. Für ein junges Startup haben wir schon eine sehr gute Struktur und klar definierte Teamprozesse.

AXEL: Wir sind schnell gewachsen und brauchten mehr Personal und die große Herausforderung war tatsächlich, diese Struktur rechtzeitig zu schaffen, um jeden Mitarbeiter richtig aufnehmen zu können. Es war auch schwierig, Mechaniker zu finden. Das wussten wir zwar, waren dennoch zu optimistisch.


Welche Probleme löste bravobike ganz am Anfang?

OLLI: JobRad war unser erster Kunde. Das Ziel war, sehr unkompliziert die Räder von Leasingkunden abzuholen und zu verwerten.

AXEL: Als wir bravobike gegründet haben, standen schon 130 Räder im Büro von JobRad! Sie hatten nur darauf gewartet, dass wir diese abholen, weil sie damit nichts anfangen konnten und auch wussten, dass laufend mehr kamen.

Kurz danach ging unsere Webseite wirkaufendeinfahrrad.de online, damit uns auch Privatpersonen ihre Gebrauchträder verkaufen konnten. Gleichzeitig entwickelten unsere Teams die benötigte Technologie – nämlich den Ankaufrechner, unseren eigens entwickelten Algorithmus, den man mit der Auto Schwacke-Liste vergleichen kann. Mit diesem intelligenten System wird der Wert von Gebrauchträdern automatisch ermittelt. Das ist für uns essentiell, um realistische Kaufpreise zu ermitteln und ein attraktives Angebot zu machen, aber auch intern, um Planbarkeit zu erreichen.


Wie habt ihr herausgefunden, dass ihr auch Probleme anderer Kundengruppen lösen könntet?

OLLI: Bei den Versicherungen war es aus Versehen! Eine hat uns kontaktiert, weil sie ganz viele wieder gefundene Diebstahlräder hatten, die nun nach Auszahlung der Kunden Eigentum der Versicherung waren. Einige lagen im Keller, andere waren noch bei der Polizei abzuholen. Sie haben uns praktisch gebeten, uns um diese Fahrräder zu kümmern. So entwickelten wir ein besseres Verständnis von gestohlenen Rädern: Die meisten Räder – entgegen unserer Vorstellungen – waren in einem guten Zustand und noch werthaltig. Wir verstanden schnell, dass der Prozess der gleiche wie bei den Leasingrädern war.

Auch die Hersteller hatten wir auf dem Schirm. Wir wussten ja, dass sie Demo Bikes, Retouren, usw. haben, die sie nicht verkaufen. Wir haben festgestellt, dass wir sie mit unserem Wertermittlungssystem unterstützen konnten, aber auch mit unserer Expertise in der Aufbereitung von Rädern. Bravobike stellt sicher, dass die Räder in einem professionellen Umfeld in den Gebrauchtradmarkt wieder eintreten, was für das Markenimage sehr wertvoll ist.

Wir wollen den Gebrauchtradmarkt wie den Automarkt aufbauen, wo gewisse Technologien, Dienstleistungen und Partnerschaften schon selbstverständlich sind.

AXEL: Unser Dienstleistungsmodell ist aus der Not heraus entstanden. Wir haben eine Expertise für den Gebrauchtradmarkt, Digitalisierung und Automatisierung, die wir teilen und nicht nur für uns verwenden wollten. Wir hatten schon eine Lösung für Leasinganbieter etabliert, die den Anforderungen der Versicherungen und Herstellern perfekt entsprach.


Was haltet ihr vom Jahr 2020?

AXEL: Corona hat uns bei bravobike natürlich auch geprägt. 2020 sind wir trotz der Pandemie stark gewachsen und haben das Team verdoppelt. Wir dachten, jetzt teilt sich die Arbeit auf und wir halten zusammen, um mit diesem Wachstum umzugehen. Doch gerade dann brach ein Feuer bei uns aus und vernichtete ein ganzes Stockwerk samt Werkstatt, allen Produktiv-Stationen und über 200 Rädern. Wir mussten alles wieder aufbauen, kurzfristig, zusammen. Einige Mitarbeiter hatten erst zwei Wochen vorher bei uns angefangen. Das Feuer war natürlich ein harter Schlag, aber es hat auch dafür gesorgt, dass das Team zusammengewachsen ist, mit einer Hands-on Mentalität. Da haben wir noch einmal mehr gemerkt, was wir gemeinsam alles schaffen können.

So bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass unser Team und unsere gemeinsame Stärke das ist, was uns ausmacht.

OLLI: Ich bin auch ganz dieser Meinung. Wir sind tatsächlich innerhalb eines Jahrs von 24 auf 38 Mitarbeiter gewachsen, sind auch räumlich gewachsen, und das in einer Zeit von krassen Ungewissheiten, zusätzlich zu neuen „klassischen“ Startup Problemen. Ich glaube auch, dass wir diese Herausforderungen durch unsere gute Struktur und starke Kultur als Team gemeistert haben und deshalb so schnell adaptieren konnten.


Wie stellt ihr euch die Zukunft bravobikes vor?

AXEL: Ohne Feuer!

OLLI: Wir möchten bravobike als professionellen Partner und Technologie-Dienstleister etablieren – sowohl für B2B als auch B2C. Man soll direkt an uns denken, wenn man an das Gebrauchtrad denkt. Ich wünsche mir aber auch, dass wir uns von unserem Weg nicht ablenken lassen, dass wir immer besser werden. Und das Ganze mit Freude und Spaß!

AXEL: Genau, es geht nicht nur um den Markt, sondern auch um die Menschen, mit denen wir unsere Mission erfüllen wollen – dass wir gemeinsam einen Arbeitsplatz schaffen, an dem sich jeder entwickeln kann und gerne arbeitet. Nebenbei entwickelt sich der Gebrauchtradmarkt. Ich möchte, wenn ich jemanden im Büro treffe, immer ein Lächeln sehen und geben können. Ich bin sehr stolz auf unsere Kultur und möchte, dass bravobike ein Vorbild für andere Unternehmen, klein oder groß, wird.

Quitterie Chavanat

Autorin

Quitterie Chavanat
Junior Marketing Manager